Kultur,
Kakteen und Kalypso
Die See ist spiegelglatt. Kaum ein Windhauch. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Dies ist ein Tag, an dem das Wagnis möglich scheint. Nach einem letzten Gebet an die hochverehrte Muttergöttin schieben dunkelhäutige Sizilianer ihre Boote ins Wasser. An Bord neben Tontöpfen mit Getreide und Wasser auch einige Haustiere. Ihr Ziel: Jene geheimnisvolle Insel, die gen Mittag liegt und die man bei guter Sicht am Horizont erkennen kann. Ihre Hoffnung: Ein besseres Leben dort, als im zu dicht besiedelten Sizilien. Nach mehrtägiger Seereise erreicht das Boot das bewaldete Eiland. Und erstmals betreten Menschen jene Insel, die man heute Malta nennt. ... So oder ähnlich mag sich die Ankunft der ersten Menschen auf Malta abgespielt haben, in einem Jahr um 5200 v.Chr. Die Überreste dieser ersten Malteser fand man in der Höhle Ghar Dalam im Osten Maltas.
Die 23 Studierenden und Lehrer des Abendgymnasiums in Rheine, die Ghar Dalam im Rahmen ihrer Studienfahrt nach Malta besuchten, fühlten sich ein wenig in jene Zeit zurückversetzt, in der die ersten Malteser diese Höhle als Zufluchtsort wählten. Acht Tage dauerte die Studienreise der Abendgymnasiasten und es war eine Zeitreise durch die Geschichte des Mittelmeerraumes. Denn auf Malta, das an der engsten Stelle zwischen Europa und Afrika liegt und einen der größten und am besten geschützten Naturhäfen der Erde besitzt, haben alle Völker, die im Verlauf vergangener Jahrtausende das Mittelmeer beherrschten, eindrucksvolle Spuren hinterlassen:
l Die Menschen der Steinzeit, die hier ihre gigantischen Steintempel errichteten und Malta zum ersten und wichtigsten Zentrum der ganz Europa umfassenden Megalithenkultur machten. Und dies fast 1000 Jahre vor Stonehenge. In Tarxien und Hagar Qim sahen die Studienfahrtteilnehmer beeindruckende Beispiele ihrer Baukunst, die in Form der Hünengräber viele Hundert Jahre nach ihrer Blüte auf Malta auch Norddeutschland erreichen sollte.
l Die Phönizier, die der Insel ihren Namen gaben (phönizisch Malet = Zufluchtsort, Ankerplatz).
l Die Römer, die hier Holz für ihre Schiffe und Waffen schlugen. Das einst bewaldete Malta wandelte sich in römischer Zeit in eine Insel, auf der niedrige Sträucher und Kräuter dominieren und das eintönige Gelb des maltesischen Kalksteins die bestimmende Farbe ist. Die Studierenden des Abendgymnasiums fanden Spuren der römischen Zeit in den St. Paulus Katakomben, frühen christlichen Grabstätten in der Stadt Rabat. Sie durchwanderten die felsigen Hänge, an denen heute kein Baum mehr grünt, die dafür mit Thymian, Rosmarin und Kapernsträuchern bestanden sind und dem Besucher jenes mittelmeertypische Bild bieten, das von Vielen als besonders ursprünglich und wild betrachtet wird und doch in Wahrheit das Ergebnis menschlichen Raubbaus an der Natur ist.
l Die Araber, die Malta bahnbrechende Verbesserungen in der Landwirtschaft schenkten. Noch heute ist das arabisch geprägte Malti neben Englisch eine der beiden Amtssprachen der Insel. In Mdina, der von den Arabern befestigten einstigen Inselhauptstadt, erlebten die Abendgymnasiasten die (gewollten) Tücken arabischer Stadtplanung: Enge Hauptstraßen, Seitengassen, die plötzlich an einer Mauer enden, kleine Plätze, von denen viele Gassen abgehen – all das so angelegt, um eventuelle Eindringlinge zu verwirren. Bei manchem Besucher gelingt dies auch heute noch.
l Die Johanniterritter, die nach dem Verlust ihrer Basis Rhodos an die Türken Malta 1530 als Lehen erhielten. Sie erbauten das stark befestigte Valetta, die heutige Inselhauptstadt. In ihren Mauern besuchten die Studienfahrtteilnehmer die kulturellen Juwelen der Ordensritterzeit: Schmuckreiche Kirchen, den Großmeisterpalast mit beeindruckenden Wandteppichen und Waffensammlungen und das Fort St. Elmo, einst die stärkste Bastion Europas.
l Und schließlich die Engländer. Von 1800 bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1964 war Malta Teil des britischen Kolonialreiches. Geblieben ist von der britische Zeit neben der Sprache vor allem auch der Linksverkehr, den verschiedene Studienfahrtteilnehmer während einer Fahrt im gemieteten Kleinwagen sehr intensiv und hautnah kennen gelernt haben.
Neben kulturellen bot die Studienfahrt auch eine Fülle landschaftlicher Höhepunkte. So eine Fischerbootfahrt zur Blauen Grotte, die es eben nicht nur auf Capri gibt und deren tief türkisblaue Wasserfarbe Gaugin oder Van Gogh zu Meisterwerken inspiriert hätte, wären sie jemals auf Malta gewesen. Oder eine Wanderung entlang der Dingli-Klippen, die steil zum Meer hin abfallen und auf denen tiefe, parallel zueinander verlaufende Felsrinnen den Forschern Rätsel aufgeben. Sind es Karrenspuren der Bronzezeit? Startrampen außerirdischer Raumfahrer? Oder Steinbrüche der Tempelbauer der Steinzeit? Und nicht zu vergessen der weite Sandstrand der Golden Bay, in dessen Nähe die Studienfahrtler ihr Quartier bezogen hatten. Nach einer reichhaltigen Tagesdosis Kultur und Natur, so die einhellige Meinung, war das Bad im Meer und der abendliche Ausklang am Strand oder in der Hoteldisco ein verdienter Ausgleich. Dass dabei der Schlaf ein wenig zu kurz kam, hat niemanden ernsthaft gestört – als Abendgymnasiast ist man daran gewöhnt. Dass nach nur acht Tagen die Heimreise angetreten werden musste – das allerdings hat jeder Studienfahrtteil- nehmer als viel zu früh empfunden. Und manch einer mag im Stillen den griechischen Krieger Odysseus beneidet haben, der von der Nymphe Kalypso, der Urahnin aller verführerischen Frauen, für Jahre auf Gozo, der Nachbarinsel Maltas, gefangen gehalten wurde. Angesichts all dessen, was das Archipel dem Besucher zu bieten hat, eine wahrhaft angenehme Gefangenschaft.